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Dokumentation der IQ Fachtagung 2018

Internationale Arbeitskräfte für regionale Arbeitsmärkte: Strategien – Erfolge – Perspektiven

6. Juni 2018, Hannover

Niedersachsen hat einen wachsenden Fachkräftebedarf. Eine Strategie, die offenen Stellen der Unternehmen langfristig zu decken, ist die Ansprache von zugewanderten Arbeits- und Fachkräften. Doch nicht immer fällt es Unternehmen leicht, den Integrationsprozess eigenständig zu gestalten. Die Zielgruppe ist sehr heterogen, die rechtlichen Rahmenbedingungen komplex und das Angebot an Förderinstrumenten schwer zu überblicken. Die Fachtagung soll dazu beitragen, regionale Strategien zu beleuchten, Erfolgsfaktoren zu diskutieren und Perspektiven zu erarbeiten. Sie richtet sich an Mitarbeitende aus Jobcentern und Arbeitsagenturen, aus Fachkräfteinitiativen und Wirtschaftsförderung, an Integrationsmoderatoren und Willkommenslotsen, an Beschäftigte in Bildungs- und Beratungseinrichtungen sowie an weitere interessierte Arbeitsmarktakteure.

Begrüßung

Harm Wurthmann, Geschäftsführer der RKW Nord GmbH

Der Geschäftsführer der RKW Nord GmbH, die das IQ Netzwerk Niedersachsen koordiniert, begrüßte die Teilnehmenden des Fachtags. Er freute sich, dass trotz sehr sommerlicher Temperaturen rund 130 Arbeitsmarktakteure den Weg ins Stephansstift gefunden hatten. Vor dem Hintergrund der politischen Debatten um Abschiebungen per Charterflug und EU-Grenzpolitik unterstrich er, wie vielfältig die Aspekte seien, die beim angekündigten Fachkräfteeinwanderungsgesetz eine Rolle spielten. Ziel der Fachtagung sei daher, sich fachlich auszutauschen und regional noch besser zu vernetzen, um dieses komplexe Thema gemeinsam angehen zu können. In diesem Zusammenhang bedankte sich Harm Wurthmann für die Unterstützung des Landes Niedersachsen: Im Rahmen der Fachkräfteinitiative fördert das Niedersächsische Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung ein Projekt der RKW Nord, um das Expertenwissen aus dem IQ Netzwerk auch außerhalb der Netzwerkstrukturen in die Fläche zu tragen.

Grußwort aus dem Ministerium

„Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz wird ein dickes Brett sein!"

Ute Stahlmann, Leiterin der Abteilung 1 "Wirtschaftsordnung und Arbeitsmarkt" im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung

Wie ihr Vorredner hob auch Ute Stahlmann hervor, dass das Thema "Fachkräfte" aktuell sehr an Intensität zunehme. Es werde in „jeder Schlagzeile" aufgegriffen und viele Berufe seien akut betroffen. Sie freue sich daher, an diesem Tag die „geballte Arbeitsmarktkompetenz" Niedersachsens begrüßen zu dürfen. Denn „das Fachkräfteeinwanderungsgesetz wird ein dickes Brett sein", so Stahlmann. Eine gute Zusammenarbeit aller Akteure sei immens wichtig. Sie hob hervor, dass sich die im Jahr 2014 gestartete Niedersächsische Fachkräfteinitiative aufgrund der engen Zusammenarbeit mit den Arbeitsmarktpartnern sowie der starken Partnerschaft mit dem IQ Netzwerk bewährt habe. Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen plane das Ministerium eine Neuausrichtung, die auf drei Säulen fußen soll:

  1. Bildung und Qualifizierung
  2. Aktivierung und Stärkung des inländischen Erwerbspersonenpotenzials
  3. Gesteuerte Zuwanderung und Arbeitsmarktintegration von internationalen Fachkräften

Stahlmann unterstrich anhand der statistischen Prognosen des IAB, wie groß der Handlungsbedarf bereits heute sei. Während dem Arbeitsmarkt aktuell rund 47 Mio. erwerbsfähige Personen zur Verfügung stünden, seien es im Jahr 2060 gerade noch ca. 29 Mio., wenn die demografischen Entwicklungen stabil blieben. Sie argumentierte, dass auch der „Megatrend Digitalisierung" unsere Fachkräftebedarfe nicht lösen werde, selbst wenn sich unsere Arbeitswelt dadurch verändern werde.

Mit Blick auf die Neuausrichtung der Fachkräfteinitiative sieht die Vertreterin des Ministeriums insbesondere die dritte Säule als komplexe Aufgabe. Denn nicht nur die Integration an sich erfordere große Anstrengungen von allen Seiten, auch die Gewinnung von (potenziellen) Fachkräften sieht Stahlmann als echte Herausforderung: „Wie schaffen wir es, junge Menschen im Ausland für Deutschland zu begeistern? Und wie können wir kleine und mittlere Unternehmen überzeugen und unterstützen?" Um diese beiden Mammutaufgaben zu bewältigen, müssen wir die Erwartungen und Unterstützungsbedarfe von Fachkräften und Unternehmen kennen, entgegnete Stahlmann. Als eine grundlegende Voraussetzung sieht sie einen guten Rechtsrahmen: „Wir brauchen ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das weniger komplex ist als die jetzige Rechtslage." Großen Diskussionsbedarf sehe sie ferner beim Thema Zugang zu schulischer und beruflicher Ausbildung, da die Fachkräftebedarfe in den entsprechenden Berufen besonders groß seien. Auch für die Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen wünsche sie sich einfache und übersichtliche Strukturen und Verfahren. 

Dass die Zusammenarbeit zwischen Politik und Arbeitsmarktpartnern funktionieren kann, zeigte die Rednerin anhand von vier guten Praxisbeispielen auf:

  1. Das Projekt "Adelante" bringt spanische Fachkräfte mit niedersächsischen Unternehmen zusammen.
  2. Die Welcome Center in Braunschweig, Göttingen und Wolfsburg beraten und begleiten auch KMU beim Prozess der Gewinnung und Integration von Fachkräften aus dem Ausland.
  3. Die Zentrale Beratungsstelle „Ausländer*innen und Fachkräftesicherung“ (ZBS AuF II) unterstützt Betriebe und Unternehmen rund um das Thema internationale Fachkräfte.
  4. Das Beratungsnetzwerk zur Integration internationaler Fachkräfte bringt relevante Arbeitsmarktakteure in ganz Niedersachsen zusammen und fördert den Austausch und Wissenstransfer in enger Verzahnung mit dem IQ Netzwerk.

Abschließend appellierte Ute Stahlmann an die Anwesenden: „Ich setze auf die Zusammenarbeit mit Ihnen allen"  und wünschte den Teilnehmenden viele neue Erkenntnisse und einen fruchtbaren Austausch.

EU-Zuwanderung, Fluchtmigration & Co.: Wer wandert ein und welches Fachkräftepotential bringen die Menschen mit?

„Die EU-Zuwanderung ist der beherrschende Einwanderungstrend der letzten Jahre.“

Dr. Christian Pfeffer-Hoffmann, IQ Fachstelle Einwanderung, Minor - Projektkontor für Bildung und Forschung gGmbH

Der Leiter der IQ Fachstelle Einwanderung beginnt mit einer positiven Nachricht: „Für den allergrößten Teil der internationalen Fachkräfte haben wir ein gut funktionierendes Einwanderungsgesetz: die Freizügigkeit." Denn wie der Blick auf die Zahlen in seiner Präsentation beweist, ist die EU-Zuwanderung der beherrschende Trend der letzten Jahre. Diese Gruppe sei teilweise sehr gut ausgebildet, jung und extrem mobil. Was Pfeffer-Hoffmann skeptisch sieht, sind die wenigen Anreize für die duale Ausbildung für junge Menschen außerhalb der EU und dass zu wenig getan werde, um junge EU-Zugewanderte hier zu halten. „Die Welt ist enger zusammengerückt", unterstrich Pfeffer-Hoffmann. Wenn Deutschland den ausländischen Fachkräften keine guten Arbeitsbedingungen bietet, seien diese schnell wieder weg. Dass mit Blick auf die Bedingungen noch Luft nach oben ist, zeigen die Zahlen zu Beschäftigungsquoten nach Zuwanderungsgruppen. Dabei geht er explizit auf die Situation in Niedersachsen ein. „Temporäre Migration ist der Normalfall", erinnert Pfeffer-Hoffmann die Zuhörenden zum Abschluss. Er appelliert an alle Akteure, sich für gute Bedingungen der Arbeitsmarktintegration einzusetzen und innovative Wege bei der Integration von Zugewanderten zu erproben. 

Alle vorgestellten Thesen, Zahlen und Trends können Sie der Präsentation entnehmen.

Expertengespräch: Vom Helfer bis zur Fachkraft: Erfolgsfaktoren für die Arbeitsmarktintegration Zugewanderter

Moderiertes Fachgespräch mit Prof. Dr. Günther Hirth (Leiter der Abteilung Berufsbildung der IHK Hannover), Dr. Matthias Mayer (Senior Expert für Integration und Bildung der Bertelsmann Stiftung) und Rüdiger Hornbostel (DGB Niedersachsen)

Zum Gesprächsauftakt bat die Moderatorin, Andrea Hasheider, die drei Experten um ein kurzes Statement: 

Prof. Dr. Hirth, der als Vertreter der IHK die Perspektive von (zukünftigen) Fachkräften in Berufen des dualen Systems vertrat, sprach sich mit Nachdruck dafür aus, dass es geeignete Rahmenbedingungen braucht, um junge Zugewanderte nachhaltig zu gewinnen. Sprache sei der Schlüssel, aber auch eine wertschätzende Haltung, eine Begleitung und „solide Brückenköpfe" seien absolut notwendig. Dass die Berufsausbildung von der Bleibeperspektive abhängt, findet er „skandalös". 

Dr. Mayer sprach für internationale Studierende und Hochqualifizierte. Mit Blick auf Fachkräfte aus Drittstaaten unterstrich er nochmal, wie divers die Zuwanderung sei und machte vier große Gruppen aus:

  1. Zugewanderte, die die Blaue Karte EU haben
  2. Graduierte deutscher Hochschulen
  3. Nachziehende Eheleute
  4. Personen, die zur Arbeitsplatzsuche einreisen

Er knüpfte an Dr. Pfeffer-Hoffmann an, indem er nochmals anführte, dass die EU- Zuwanderung mit Abstand der „größte Brocken" sei. Damit auch mehr Fachkräfte aus anderen Staaten nach Deutschland kommen, müssten wir an einer offenen und inklusiven Gesellschaft arbeiten, plädierte Dr. Mayer.

Rüdiger Hornbostel wurde als Experte für Geringqualifizierte und ungelernte Arbeitskräfte eingeladen. Er stellte in seinem Statement klar, dass diese Menschen eher kein Fachkräftepotenzial darstellten. Von den rund 5.300 Personen, die der DGB seit 2013 im Rahmen des Projekts Faire Mobilität beraten habe, kämen die meisten aus Rumänien, Bulgarien und Polen. Die wichtigsten Branchen seien die Landwirtschaft (Erntehelferinnen und -helfer) und die Elektro- und Bauindustrie. Themen, die in der Beratung immer wieder eine Rolle spielen, seien der Arbeitsvertrag, die Entlohnung, die Be- und Verrechnung von Gehältern, die Kündigung und die Unterkunft. 

Warum belassen wir es nicht bei der Zuwanderung aus der EU?“

Mayer: „Auf je mehr Säulen wir unsere Fachkräftezuwanderung aufbauen können, desto besser! Außerdem haben viele EU-Länder eigene Fachkräfteprobleme. Innerhalb der EU zu rekrutieren, wird zunehmend schwieriger."

„Was macht Deutschland denn überhaupt attraktiv für Arbeitskräfte aus dem Ausland?“

Mayer: „Da gibt es sicherlich viele Aspekte! Die wichtigsten sind der Arbeitsmarkt und die gute Beschäftigungslage, aber auch die hohe Lebensqualität, die Möglichkeit der Vereinbarung von Familie und Beruf, unsere Gesundheits- und Sozialsysteme."

Hornbostel: „Schade ist, dass die Zuwanderer nicht wegen unserer dualen Ausbildung kommen. Denn das, was die duale Berufsausbildung auszeichnet, ist in anderen Ländern gar nicht bekannt. Viele wollen lieber hier studieren."

„Wie können wir noch mehr junge Menschen für die duale Ausbildung begeistern? Bedarf es einfach stärkerer Aufklärung und Information darüber?"

Hirth: „Viele Vorzüge der Ausbildung sind tatsächlich nur im deutschen Sprachraum bekannt. Viele wissen zum Beispiel gar nicht, wie qualitätsgesichert die Ausbildung ist und dass es von Flensburg bis Garmisch ein und die gleiche Prüfung gibt. Geflüchteten ist insbesondere eine ordentliche Vergütung wichtig, bis auf wenige Ausnahmen ist das in den IHK-Berufen auch gegeben. Außerdem bietet das System viele weitere Qualifizierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten, z.B. zum Fachwirt, Techniker oder Meister. Die Hochschulen dagegen produzieren völlig am Markt vorbei. So viele Soziologen können wir gar nicht gebrauchen. Was wir allerdings beobachten ist, dass da, wo große deutsche Industrie angesiedelt ist, z.B. in China, den USA oder Lateinamerika, sowas Ähnliches wie die duale Ausbildung auf die Beine gestellt wird: ein Exportthema macht Schule!" 

Mayer: „Wenn wir die Passgenauigkeit zwischen dem deutschen, hochformalisierten Ausbildungssystem und den Systemen in anderen Ländern verbessern würden, wäre es sicherlich einfacher, mehr junge Menschen für unsere Ausbildung zu gewinnen."

Hornbostel: „Wir sollten auch stärker darauf schauen, welche Kompetenzen die Menschen mitbringen und das vorhandene Know-How nutzen. Neben der beruflichen Anerkennung spielen auch interkulturelle Kompetenzen eine wichtige Rolle. Kleine Betriebe mit 50 Beschäftigten und weniger bilden immer seltener aus. Sie brauchen mehr Unterstützung.

„Wie können wir dazu beitragen, dass die Gesellschaft insgesamt noch offener wird?"

Hirth: „Wenn wir uns die Presse angucken, stellen wir fest, dass die Zeichen nicht auf "Wir brauchen Fachkräfte" stehen. Im Gegenteil: Zuwanderung soll stark begrenzt werden. Es wäre keine gute Idee, jetzt eine große Zuwanderungswelle zu produzieren. Wir haben gerade richtig viel zu tun mit der Qualifizierung der Neuzugewanderten. Wir brauchen bestimmt fünf bis sechs Jahre, bis die Hälfte der Geflüchteten in Arbeit ist. Und wie Herr Hornbostel schon sagte, sind auch die Betriebe überlastet und können nicht viele weitere Zugewanderte aufnehmen und integrieren."  

Hornbostel: „Unsere Kernaufgabe sollte sein, dass Geflüchtete in Arbeit kommen. Dafür müssen wir insbesondere kleine und mittlere Unternehmen als auch Multiplikatoren unterstützen."

Hirth: „Die Leitplanken, Wege und entsprechenden Zahnräder haben wir, aber sie greifen noch nicht richtig ineinander."

„Was muss sich ändern, damit alle Akteure in diesem Prozess gut zusammenarbeiten können - damit die Zahnräder ineinander greifen?"

Mayer: „Was Studierende und Hochqualifizierte angeht, so funktioniert das System schon ganz gut. Mit der Blauen Karte kommen jedes Jahr ein paar tausend Menschen mehr. Und auch der Übergang vom Studium in Arbeit ist schon recht großzügig geregelt. Lediglich die Ausländerbehörden sind eher am unteren Ende der Ressourcen-Ausstattung."

Hornbostel: „Die Bezahlung im Handwerk ist auf jeden Fall ein Problem. Auch der Sprachkursmarkt ist höchst problematisch. Zudem wäre ich dafür, interkulturelle Kompetenz als Pflichtmodul für die Ausbildereignungsprüfung zu berücksichtigen. 

Foren: Praxiserfahrungen der Arbeitsmarktintegration – Wo stehen wir in Niedersachsen?

Foren mit anschließender Ergebnispräsentation im Plenum

In fünf regional gegliederten Foren wurden drei Leitfragen in Kleingruppen diskutiert:

  1. Was sind die entscheidenden Faktoren für die erfolgreiche Arbeitsmarktintegration von internationalen Arbeitskräften und warum?
  2. Sind die notwendigen Voraussetzungen für eine nachhaltige Arbeitsmarktintegration von internationalen Arbeitskräften in Ihrer Region gegeben? Wo besteht ggf. noch Handlungsbedarf?
  3. Welche Rolle spielen Netzwerke in Ihrer Region? (z.B. Fachkräftebündnisse, Fachkräfteinitiativen, Fachkräfte Netzwerke, Netzwerke zur Koordination von Migration & Flucht, etc.)
Ergebnisse der Regionalforen

(bitte klicken zum Vergrößern)

Ausblick: Erfolgsfaktor Netzwerke – Perspektiven für Niedersachsen

Rainer Bußmann, Koordinator des IQ Netzwerks Niedersachsen, RKW Nord GmbH

Zum Abschluss der Veranstaltung zeigte Rainer Bußmann auf, was das IQ  Netzwerk Niedersachsen leistet und welche Perspektiven sich für die kommende Förderperiode eröffnen könnten. Alle Einzelheiten können Sie der Präsentation entnehmen.

Impressionen der IQ Fachtagung

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